Für Mannheim im Landtag

Dr. Stefan Fulst-Blei

Auftaktveranstaltung des Kultusministeriums zur Gemeinschaftsschule

Veröffentlicht am 07.10.2011 in Allgemein

Gestern stellte die Gabriele Warminski-Leitheußer, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, vor rund 1400 Pädagogen, Eltern, Kommunalpolitiker und Bildungsfachleute das Konzept der Landesregierung zur neuen Gemeinschaftsschule vor.
 

Die Ministerin möchte das bisherige Bildungssystem mit Hilfe der neuen Schulart weiterentwickeln. Denn das alte System ist den künftigen Herausforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft nicht gewachsen. Zum einen muss es wegen des demografischen Wandels im ländlichen Raum neu geordnet werden. Zum zweiten ist es notwendig, dass das System mehr hochqualifizierte Fachkräfte ausbildet. Zum dritten muss unser Land bessere Voraussetzungen schaffen, damit nicht wie bisher die familiäre Herkunft über die Bildungschancen von Jungen und Mädchen in Baden-Württemberg entscheidet. Insbesondere die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund gelingt an den Schulen zu wenig, wie sich etwa an ihrem geringen Anteil an den Abiturienten zeigt. Und bei Kindern mit Behinderung steht die Inklusion erst am Anfang.
Die Gemeinschaftsschule mit der international längst etablierten Form der individuellen Förderung in enger Verbindung mit kooperativen Lernformen ermöglicht, dass sowohl die schwächeren als auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler gefördert werden.

Kinder werden in der Schule nicht mehr getrennt
Die Gemeinschaftsschule ist besonders gut dafür geeignet, Kinder und Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen anzusprechen, zu fordern und zu fördern. Damit wird es endlich möglich sein, die althergebrachte und unsoziale Dreigliedrigkeit des baden-württembergischen Schulsystems zu überwinden. Schließlich bietet eine Gemeinschaftsschule alle Bildungsgänge und damit alle Schulabschlüsse an. Die Mädchen und Jungen werden nicht mehr auseinandergerissen oder nach ihren angeblichen Fähigkeiten aufgeteilt, sondern sie bleiben zusammen und können voneinander und miteinander lernen.
Dies wird begleitet durch eine neue Form der Leistungsbeurteilung. Zensuren werden weiterhin mit Hinblick auf den Wechsel in andere Schulformen oder in den Abschlussklassen geben. Die Noten sollen aber durch differenzierte verbale Beurteilungen ergänzt werden. Geplant ist, die Lehrerinnen und Lehrer mit Fortbildungen zu unterstützen und den Prozess wissenschaftlich zu begleiten.
Im April 2012 wird die notwendige Änderung des Schulgesetzes angestrebt, und im September 2012 sollen die ersten etwa 30 Schulen an den Start gehen. Im November 2012 können weitere Kommunen ihre Anträge einreichen, um dann im September 2013 selbst eine Gemeinschaftsschule vor Ort einzurichten.

Die Schüler sollen zu Gewinnern werden
Peter Fratton, der unter anderem die Freie Schule Anne-Sophie in Künzelsau gegründet hat, markiert die unterschiedliche Pädagogik zwischen dem ausschließlichen Frontalunterricht einerseits und der Gemeinschaftsschule andererseits. Das bisherige System bezeichnet er als "7-G-Unterricht": "Alle gleichaltrigen Schüler haben beim gleichen Lehrer zum gleichen Zeitpunkt im gleichen Zimmer mit dem gleichen Lehrmittel das gleiche Ziel gleich gut zu erreichen." Konkurrenz sei hier vorprogrammiert, die Schülerinnen und Schüler müssten sich dem System anpassen. Die überwiegende Mehrheit werde dabei zum Verlierer.
Die Gemeinschaftsschule verlangt stattdessen, das "Lernen neu zu denken". An seiner Schule dürfe es keine Verlierer geben. Dafür sorge die sogenannte "V-8-Begleitung" als Handlungsanweisung: "Auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigsten Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen." Wie das von den Pädagogen in einem "Haus des Lernens" umgesetzt werden kann, wurde in einem Pilotprojekt der PH Ludwigsburg in Zusammenarbeit mit der Stiftung Würth erprobt. Die Teilnehmer der Ludwigsburger Veranstaltung erhielten bei seinem Vortrag einen umfangreichen Einblick, wie dieses Konzept in den Gemeinschaftsschulen umgesetzt werden kann. Damit trägt das Land einer Lernkultur Rechnung, die sich an den Schülerinnen und Schülern und ihrer individuellen Leistungsfähigkeit orientiert, wie sie einer leistungsbewussten, aber auch sozial gerechten Gesellschaft entspricht.