Katrin Steinhülb-Joos: „Wie groß die Lücken in den Lehrerzimmern werden, ist der Regierung nicht klar“

Veröffentlicht am 23.08.2021 in Landespolitik

„Baden-Württemberg läuft in einen eklatanten Mangel an Lehrkräften, ohne ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen“: Zu diesem Fazit kommt Katrin Steinhülb-Joos, die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, nach der Antwort des Kultusministeriums auf ihre Anfrage zum Lehrkräftemangel. Auf die SPD-Anfrage gibt die Landesregierung unumwunden zu, dass es besonders an den Grundschulen und Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren viele unbesetzte Lehrkräftestellen gibt. Grund ist laut Ministerium die unzureichende Bewerberlage in einigen Regionen an, man hoffe auf eine Verbesserung durch mehr Studienplatzangebote.

„Dabei gibt es diese Lücken nicht erst seit heute“ so Steinhülb-Joos, die selbst langjährige Erfahrungen als Schulleiterin hat: „Es ist schlimm, dass man nicht schon die vergangene Legislatur genutzt hat, um konkret gegen den immer größeren Mangel an unseren Schulen vorzugehen. Die eiligen Maßnahmen der Landesregierung können nicht helfen, es bräuchte weit mehr als Überstunden für Vertretungen“. Auch die Erhöhung der Zuverdienstgrenze für Pensionäre und die Möglichkeiten zur Aufstockung für Teilzeitkräfte seien nicht einmal im Ansatz ausreichend. „Wir brauchen sofort eine Ausbildungsoffensive mit weiterer Erhöhung der Studienplatzzahlen besonders in der Sonderpädagogik. Hier müssen wir auch ein Ab[1]wandern der Absolventinnen und Absolventen in andere Bundesländer verhindern.“, sagt Steinhülb-Joos.

„Der Mangel an Fachkräften besonders im MINT-Bereich, der entgegen der Antwort des Kultusministeriums nicht nur an den Gymnasien, sondern auch in den Gemeinschaftsschulen eklatant ist, lässt sich dagegen mit Anreizen für den Quereinstieg und für Studienanfängerinnen und Studienanfänger lindern. Wir müssen diese Fächer wieder für Lehrkräfte attraktiv machen“, sagt Katrin Steinhülb-Joos, „nicht nur an den Gymnasien, sondern auch an den Gemeinschaftsschulen.“ Gerade dort braucht man für das mittlere und erweiterte Niveau, welches zur Mittleren Reife und zum Abitur führt, qualifizierte Fachkräfte. „Das muss das Kultusministerium auf dem Schirm haben.“

Auch die Weiterqualifizierung, zum Beispiel in der Sonderpädagogik, müsse attraktiver werden, zudem brauche es noch deutlich mehr Studienangebote. „Am Ende müssen wir sicher auch über eine einheitlichere Besoldung nachdenken“, so Steinhülb-Joos: „Aus welchem Grund sollte eine Grundschullehrkraft eine andere Wertigkeit erfahren als Sekundarschulkräfte?“ Schwierigkeiten sieht die Abgeordnete angesichts dieser Situation auch bei der Umsetzung des Programms „Rückenwind“, für das das Land bis zu 30 000 zusätzliche Kräfte für die Schulen gewinnen will, vor allem Studierende. In Anbetracht der Lage, dass an vielen Schulen nur schwer oder teilweise der Pflichtunterricht qualitativ nicht abgedeckt ist, eine gewaltige Gesamtaufgabe. „Die Kinder brauchen gerade nach dem Pandemieschuljahr eine verlässliche, dauerhafte, qualifizierte, individuelle Betreuung. Dazu braucht es qualifiziertes Personal, das langfristig an den Schulen eingesetzt wird, einen Ausbau der pädagogischen Assistenzstellen und mehr schulpsychologische Betreuung. Aber die Aufstockung der Schulpsychologie und der regelmäßige, feste Einsatz an den Schulen ist derzeit vom Ministerium nicht vorgesehen.“

Fazit der SPD-Schulexpertin: „Wie groß die Lücken in den Lehrerzimmern geworden sind, scheint auch der neuen Kultusministerin nicht klar zu sein. Und der Ministerpräsident sollte wissen, dass seine Thesen zur Qualität ebenso schön wie völlig unrealistisch sind. In Baden[1]Württemberg geht es immer öfter nicht um besseren oder schlechteren Unterricht. Es geht um Unterricht oder nicht Unterricht.“

 

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